Monthly Archive for Februar, 2011

You can’t google the solutions to people’s feelings

“You can’t google the solutions to people’s feelings” singt uns Michael Skinner aka The Streets auf seiner neuen und letzten Platte “Computer and Blues” und bringt es mal wieder auf den Punkt. Der Pub-Poet (laut.de) verdichtet die Wahrheit in einen Satz und wir dürfen unsere Gedanken dran und darum hängen.

Die google-Wikipedia „Ich-weiß-alles-dank-meines-externen-Organ-Smart-Phone“-Mentalität hat in den Köpfen der Menschen Einzug gehalten. Alle Probleme werden weggegoogelt. Wissen wird quergeflogen dank Wikipedia aufgenommen. Das in Kurzatmigkeit vorgetragene stakkatohaft wiederholende „Ok“ klingt wie „Ich bin ein Schwamm, ich nehme alles in Hundertstel von Sekunden auf, entertain me“. Doch wie werden die tiefersitzenden Gedankengänge trainiert, die Zusammenhänge herstellen und neue originäre kreativen Ideen, neues Denken oder gar daraus abgeleitete neue  Verhaltensweisen entwickelt, wenn alles sofort gegoogelt wird?

Dieses Denken bereitet den Grund für die Akzeptanz von zig Tausenden Büchern auf dem Buchmarkt, die uns versprechen innerhalb einer Zeitangabe, etwas ganz Tolles zu erreichen: „In 7 Tagen zum Nichtraucher“ – „In 24 Stunden zum Börsencrack“ – „An einem Tag zum Maschinenschlosser“ oder „In 20 Minuten zum gleichmütigen, ausgeglichenen Stoiker“.

Harald Hordych hat vor einiger Zeit in der Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung den überaus unterhaltsamen Artikel „Total verkorkst“ geschrieben. Hier beschreibt er folgenden Selbstversuch: Er liest das Buch „Weinkenner in 60 Minuten“ genau 60 Minuten lang (schafft allerdings nur 75 von 103 Seiten) und lässt anschließend seine Kenntnisse von einer anerkannten Sommelier überprüfen. Er fällt durch die quälende Prüfung und bekommt eine sechs. Kennerschaft und gar Meisterschaft sind nicht in 60 Minuten zu erreichen. Dazu benötigen wir weit mehr als einen gutstrukturierten Wikipedia-Artikel. Wir brauchen Enthusiasmus oder die Bereitschaft, etwas an unserer Gedankenwelt zu ändern.

Für den Umgang mit den Gefühlen anderer Leute, wie wir sie auch in Konfliktsituationen am Arbeitsplatz vorfinden, brauchen wir sogar die Bereitschaft uns auf neue Verhaltensweisen einzulassen. Das ist nicht immer einfach und vor allem nicht in 60 Minuten zu machen. Häufig müssen wir unser eigenes eingefahrenes Selbstbild, das uns so liebgeworden ist, hinterfragen und aufbrechen.

Das ist natürlich viel anstrengender und krisengeschüttelter als ein Buch in einer Stunde zu lesen. Gute Verhaltensseminare schaffen es, in einem geschützten Raum, die emotionalen Konfliktsituationen zu hinterfragen und die geeigneten Verhaltens- und Denkweisen zu identifizieren und einzutrainieren. Das dazu benötigte Bewusstsein entsteht aus der Interaktion von Anweisung und Selbsterkenntnis oder wie Michael Skinner im oben zitierten Lied singt:

Sometimes you have to find out for yourself.
Sometimes you need to be told.

Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen

Das Bildungssystem in Deutschland geht uns alle an. Ab dem 14. Februar 2011 startet die große Online-Bürgerbefragung zum Thema Bildung: „Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen“. Ziel der Umfrage ist, die Wünsche, Bedürfnisse und Anforderungen der deutschen Bevölkerung an das Bildungssystem zu erhalten und die Ergebnisse anschließend der Bundesregierung zu übergeben.

Drei Wochen lang, bis zum 07. März, können die Menschen in Deutschland an der großen Bürgerbefragung teilnehmen. Unterstützt wird die Bildungsumfrage von zahlreichen Prominenten (Bundespräsident Christian Wulff, Franz Beckenbauer, und weitere).

Der Fragebogen enthält Fragen zu aktuellen und allgemeinen Bildungsthemen. Um die Ergebnisse nach Bevölkerungsgruppen analysieren zu können, werden am Ende personenbezogene Fragen wie Alter, Bildungsgrad, Berufsstand und Wohnort abgefragt. Diese Daten lassen keine Rückschlüsse auf den Teilnehmer zu, da alle Daten anonym erhoben werden. Das Ausfüllen des Fragebogens dauert etwa 15 Minuten. Neben Multiple-Choice-Fragen gibt es auch Fragen, bei denen Sie mit eigenen Worten antworten können. So wird sichergestellt, dass die Teilnehmer Ihre persönliche Meinung zu Bildung in Deutschland abgeben können.

Die Übergabe der Umfrageergebnisse an die Bundesregierung erfolgt im März. Um bei der Übergabe dabei zu sein und einen Tag in Berlin zu gewinnen, können die Teilnehmer am Ende der Umfrage optional ihre Email-Adresse angeben und so am Gewinnspiel teilnehmen.

Ohne Bild-Zeitung und Promis geht wohl gar nichts in Deutschland, dennoch ist das Thema wichtig. Und die Befragung regt an, über eigene Einstellungen zur Bildung nachzudenken. Mitmachen…

Authentizität – Worte, Werte, Entwicklung

Was verbinden wir mit dem Begriff Authentizität? Nachdem der vorangehende Beitrag die Wahrnehmung und den Wahrnehmungscharakter der Authentizität in den Mittelpunkt stellte, geht es in diesem Beitrag um Worte und Werte. Und Entwicklung.

Das hier vorgestellte Wertequadrat soll noch mehr Klarheit schaffen. Das Wertequadrat ist ein gedankliches Werkzeug, das Paul Helwig (1967) entwickelte und Friedemann Schulz von Thun als Entwicklungsquadrat für die Persönlichkeitsentwicklung nutzbar machte (Miteinander Reden, Band 2, Kapitel II 3).

Die Gundannahme des Wertequadrates ist (Schulz von Thun, ebd.):

Um den dialektisch strukturierten Daseinsanforderungen zu entsprechen, kann jeder Wert (jede Tugend, jedes Leitprinzip, jedes Persönlichkeitsmerkmal) nur dann zu einer konstruktiven Wirkung gelangen, wenn er sich in ausgehaltener Spannung zu einem positiven Gegenwert, einer „Schwestertugend“, befindet.

Werte und Maßstäbe sollen in einer dynamischen Balance gehalten werden. Ohne die Balance verkommt ein positiver Werte zu seiner entwertenden Übertreibung.

Ein Beispiel: Sparsamkeit und Großzügigkeit sind positive Werte, die in Balance zu halten sind. Völlig übertriebene Sparsamkeit ist Geiz (die entsprechende übertreibende Entwertung). Völlig übertriebene Großzügigkeit ist Verschwendung (die entsprechende übertreibende Entwertung).

Das Werkzeug des Wertequadrates wende ich hier an auf das Thema „Authentizität“ (ähnlich bereits von Schulz von Thun dargestellt als Wahrhaftigkeit vs. Wirkungsbewusstsein):

Authentizität Wertequadrat

Sich geben wie man sich fühlt“ können wir assoziieren mit:

  • Eigene Befindlichkeit frei äußern
  • Für sich selbst einstehen
  • Offen und ehrlich kommunizieren

Situationsbewusst und rollengerecht handeln“ können wir assoziieren mit:

  • Beachten wie man auf andere wirkt, Rücksicht nehmen, höflich sein
  • Ziele und Aufgaben beachten, kooperieren
  • Diplomatisches Geschick an den Tag legen

Die orangenen Felder repräsentieren die entwertende Übertreibung der darüber stehenden grünen Felder. Das Feld „Unbeherrschtheit“ können wir assoziieren mit:

  • Rücksichtslos sein, schonungslos offen sein
  • Ungefiltert alles „rauslassen“
  • Egoistisch sein, sich nicht von anderen beeinflussen lassen

Das Feld „Verstellung“ können wir assoziieren mit:

  • Sich verbiegen, nur den Erwartungen der anderen entsprechen wollen
  • Anderen etwas vormachen, schauspielern, sich inszenieren
  • Hinterlistigkeit, Verschlagenheit

Die grünen Felder repräsentieren das positive Spannungsverhältnis, in dem eine Balance wünschenswert ist zwischen „sich geben wie man sich fühlt“ und „situationsbewusst und rollengerecht handeln“. Nicht das nur eine oder nur das andere sollte angestrebt werden, sondern die Balance bzw. die Integration beider Werte (man denke auch an das Spannungsverhältnis Ehrlichkeit vs. Respekt). Wir Menschen haben ein ganzes Arsenal an Kulturtechniken entwickelt, um Authentizität zu regulieren.

Wir wollen mit uns selbst in Einklang stehen (dazu braucht es Selbsterkenntnis). Wir können aber nicht ausschließlich aus uns selbst heraus agieren, sondern sollten die Situation und auch Erwartungen von anderen Menschen „mitfühlen“ (dazu braucht es Empathie und/oder Verstehen). Sich situationsangemessen und rollengerecht zu verhalten ist das Fundament eines friedlichen und kooperativen Zusammenlebens. Damit  werden wir nicht unauthentisch. Doch wenn eine übertreibende Entwertung in Richtung der Unbeherrschtheit oder der ständigen Verstellung stattfindet, sehe ich ein Problem.

Als Titel für das Wertequadrat schlage ich vor: „Authentizität“. Innerhalb des Wertequadrates möchte ich den Begriff „Authentizität“ dabei vermeiden. Ich möchte dazu anregen, zukünftig mit der Verwendung des Begriffes „authentisch“ genauer zu spezifizieren, wo in diesem Wertequadrat der Sprecher sein Verständnis von „Authentizität“ ansiedelt. Wofür genau tritt der Sprecher ein, wogegen wendet er sich genau? Welche Art von Balance hält der Sprecher für wünschenswert? Damit bekommen wir die Klarheit die wir benötigen, um über das Thema Authentizität zu kommunizieren. Ebenso können wir mit dem Wertequadrat konfrontative Statements und Diskussionen durchschauen.

Ich erwähnte, dass Schulz von Thun das Wertequadrat als Entwicklungsquadrat nutzbar macht. Der Begriff „Entwicklungsquadrat“ soll verdeutlichen, dass aus dem Wertequadrat Entwicklungsrichtungen herauszulesen sind – je nachdem, wo man sich selbst in dem Wertequadrat ansiedelt. Wenn zum Beispiel ein Mensch der Meinung ist „ich bin sehr direkt und offen, habe jedoch festgestellt, dass andere sich häufig verletzt fühlen und sich zurückziehen“, dann könnte er als Entwicklungsrichtung für sich wünschen, diplomatischer aufzutreten (Entwicklungsrichtung von links unten nach rechts oben). Wenn ein Mensch der Meinung ist „ich bin so sehr auf die Anerkennung von anderen aus, dass ich mich selbst verleugne“, dann könnte er als Entwicklungsrichtung für sich wünschen, mehr die eigenen Bedürfnissen zu erforschen und danach zu handeln – egal, was die anderen darüber denken (Entwicklungsrichtung von rechts unten nach links oben).

Ich halte das hier vorgestellte Wertequadrat für sehr gut brauchbar, doch ein Wertequadrat ist niemals objektiv absolut richtig. Daher eröffne ich hiermit die Diskussion: Was halten Sie von dem hier dargestellten Wertequadrat? Welche Anregungen geben Sie?

  1. Teil: Authentizität – eine Bestandsaufnahme
  2. Teil: Authentizität – eine Wahrnehmung
  3. Teil: Authentizität – Worte, Werte, Entwicklung



Blog Top Liste - by TopBlogs.de