Sei authentisch und zwar jetzt!

Authentizität ist eines der aktuell überstrapazierten Wörter des Seminargeschäfts; auch weil hier ein hoher und äußerst verständlicher Bedarf bei Teilnehmern besteht. Neulich bekam ich eine Werbung für ein Seminar mit dem Titel „Authentisch wirken!“ in die Hände. Ein zum Himmel schreiender Widerspruch in zwei Worten. Man sollte doch authentisch sein und nicht den Spielraum der Wahrnehmung des Gegenübers so manipulieren, dass er nur glaubt, man sei authentisch.

Dieser Gedankengang bringt uns nahe an einen kritischen Punkt. Das Spannungsverhältnis zwischen Professionalisierung von Verhalten und Authentizität. Wirkt Nicolas Sakrozy authentisch, wenn er Politik als Showgeschäft sieht? Die beiden Soziologen Francois Jost und Denis Muzet zeigen auf, dass Sarkozys Kommunikationspolitik nur für das Fernsehen konzipiert ist. Eine Puppe seiner selbst, das ganze Leben für die mediale Inszenierung. Und trotz Carla Bruni sinken die Umfragewerte, weil auch das gemeine Wahlvolk ein Gespür hat für aufgesetzes Verhalten.

Warum fragen Politikjournalisten trotzdem immer häufiger, wie hat der und der Politiker in der Debatte oder dem Rededuell “performed”. Geht es hier nicht mehr darum, was die Ideen des Politikers sind und was seine wirklich ureigene Überzeugung ist. Oder geht es um die kalkulierte Wirkung: mehr face als substance (so das Vokabular der Journalie, wie es uns heute Kurt Kister in der Süddeutschen näher brachte).

Und wäre der Rapper Massiv authentisch, wenn er – wie von Teilen der Musikpresse vermutet – einen Überfall auf sich in Neukölln fingiert, dabei sich in die Schulter schießen lässt, um street credibility zu erhalten und dabei die bald erscheinende Platte promoten will.

Wie viel Stellenbeschreibung hält ein Mensch aus, ohne dabei ein unauthentischer Roboter zu werden. Mittlerweile sind Leidenschaften und hochgradig positivbesetzte Emotionen zu Themen wie Online-Marketing Voraussetzungen zur Einstellung. Teilweise muss die „true company story evangelized“ werden. Man soll als spiritueller Missionar für die company Mission auftreten. Wie erträgt das der Mensch wirklich, kann er dabei authentisch sein, wenn man ihm seine urmenschlichen Gefühle in den Job diktiert?

Was bedeutet das für den Themenbereich dieses Blogs? Die Entwicklung der eigenen Kommunikations- und Selbstmanagement-Fertigkeiten wird maßgeblich unterstützt, wenn sich der Teilnehmer mit der Weiterentwicklung identifiziert und Zeit und Anleitung findet die neuen Fertigkeiten in seine Persönlichkeit zu integrieren. Eine wichtige Session für jedes erfolgreiche Seminar. Aufgesetzte Fertigkeiten losgelöst der Persönlichkeit werden bald wieder vergessen und vom grauen Alltag eingeholt. Dann kann man auch nur so machen als sei man so.

Oder was meinen Sie, was authentisch ist?

4 Responses to “Sei authentisch und zwar jetzt!”


  • Hier ist eine Lehrstunde zum Thema Authenzitaet. Morrissey im Gespraech mit Jonathan Ross.

    [Link entfernt, da Video nicht mehr verfügbar]

  • Ulrich E. Hinsen [www]

    Oh. Schön! Jens ist wieder im Blog. Zum Thema auch von mir ein VideoHinweis. Ansonsten halte ich es mit dem alten R. Dahrendorf (Soziologe): Der Mensch ist ein Bündel von Rollen (Erwartungen, denen wir entsprechen wollen oder müssen). Statt zur Authentizität aufgefordert zu werden, lohnt es sich doch viel mehr, der eigenen Identität als Steuerungsorgan all dieser Rollen zu folgen. Eine Lebensaufgabe. Doch nun zum Video:

    www.youtube.com/watch?v=8D_DzP2L5-w

    Grüße aus dem Äther an die MySkills-Autoren

    Ulrich E. Hinsen
    management-radio.de

  • …und zum vorgenannten ein kurzer Denkanstoss per Link

    lizaswelt.blogspot.com/2008/01/kabarette…

  • Lieber Jens,
    liebe Gemeinde,

    einer Bitte folgend, will auch ich meinen Beitrag leisten:

    Der vorletzte Abschnitt dieses Artikels gefällt mir am besten, d.h. ich kann diesen Worten am ehesten folgen: “Man soll als spiritueller Missionar für die company Mission auftreten. Wie erträgt das der Mensch wirklich, kann er dabei authentisch sein, wenn man ihm seine urmenschlichen Gefühle in den Job diktiert?”

    Hierzu möchte ich meine Erfahrung anmerken:
    Es ist richtig, dass entsprechendes Auftreten oft oder immer öfters verlangt wird. Rückblickend kann ich feststellen, dass es umso wichtiger ist, als “spiritueller Missionar seiner Selbst” aufzutreten.
    Erst, wenn diese Erkenntnis, die Bereitschaft und die Fähigkeit vorhanden sind, kommt die Authentizität automatisch. Warum?
    Ein Mensch ist und bleibt fremdbestimmt, bis er gegenwärtig im Klaren darüber ist, nach welchen Werten er sein Leben führen will.
    Danach bestimmen sich die Worte, Taten und das persönliche Denken – in der Art und Weise, wie ich selbst will.
    Der abschließende Schritt ist das in-Einklang-bringen der entwickelten Weltanschauung mit der fordernden Berufswelt.

    Diese Zeilen haben verwirrt oder geholfen – beides ist zielkonform :-)

    Beste Grüße vom Schwäbischen Meer schickt

    Rainer.

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