BP Krisenkommunikation – ein Kommunikationsdesaster

bp_oil_spill_still_may_11_1240pm_eIm Golf von Mexiko sprudelt Öl in’s Meerwasser (Wikipedia: Deepwater Horizon oil spill). Das Rohöl zerstört und bedroht die Umwelt in auch im ohnehin schmutzigen Ölgeschäft bisher nicht gekanntem Ausmaß. Die am 20. April 2010 durch eine Explosion zerstörte und dann gesunkene Bohrinsel “Deepwater Horizon” gehört Transocean, und die bei der Explosion getöteten 11 Besatzungsmitglieder waren Transocean-Mitarbeiter. Transocean ist jedoch im Auftrag von BP tätig, und die Ölquelle ist eine BP-Quelle. BP ist für die Katastrophe verantwortlich, das steht ausser Frage.

Nun ist es interessant zu sehen, wie der Weltkonzern BP damit umgeht.

1. Kommunikation auf allen Kanälen eröffnen. BP hat sogleich reagiert mit:

Die Informationshoheit gewinnen, ist das Motto. Sicher, Schweigen wäre völlig falsch. Aber eine Facebook-Seite macht noch keine gute Kommunikation. Sehen wir weiter.

2. Beschwichtigen und Verharmlosen. “Der Golf von Mexiko ist ein sehr großer Ozean” und im Vergleich sei die  Menge an auslaufendem Öl “winzig” (BP-Chef Tony Hayward am 14. Mai im Guardian). Aufräumarbeitern wird nach Berichten z.B der Huffington Post von BP untersagt, Schutzmasken zu tragen (als wenn das noch schlimmer wäre als die Bilder von ölverschmierten Tieren).

3. Falsche Informationen streuen. Erst hieß es, es fließen 800.000 Liter Rohöl pro Tag aus. Diese Zahl wurde später korrigiert auf 3.000.000 Liter, also mehr als das dreifache. Mittlerweise liegt die offizielle (www.deepwaterhorizonresponse.com) Schätzung zwischen 5.565.000 und 9.540.000 Liter pro Tag (die Angaben sind in Barrel, dann klingt das vielleicht etwas weniger dramatisch, aber man kann das ja leicht umrechnen in Liter – 1 Barrel sind ca. 159 Liter).

Diese Krisenkommunikation ist auch im Zusammenhang mit den Image-bildenden Maßnahmen der letzten Jahre zu sehen. BP hat sich im Jahr 2000 ein neues Logo gegeben (die grüne Sonne) und versucht, sich als “grünes Unternehmen” und Vorreiter für regenerative Energien darzustellen. BP sollte für “Beyond Petroleum” stehen (früher “British Petroleum”). Die Kampagne hat 4 Mrd. US-Dollar gekostet (ARD) und ist mittlerweile eingestellt. Tatsächlich sind ca. 90% des BP-Geschäftes Öl; und es sind auch in jüngster Zeit Katastrophen passiert: Bei einer Explosion in einer BP Raffinerie in Texas starben 15 Arbeiter (2005). BP musste eine marode Ölpipeline in Alaska vom Netz nehmen, nachdem ca. 5.000 Barrel Rohöl ausgelaufen waren (2006).

Leider bekomme ich den Eindruck, BP gibt weitaus mehr Geld aus für PR (Public Relations) als für die Sicherheit. BP scheint zu glauben, dass auch das schlimmste Ereignis durch Kommunikation noch in den Auswirkungen begrenzt werden kann. Wir hören aber nicht nur, was jemand sagt, wir sehen auch, was jemand tut, und ob Reden und Handeln im Einklang stehen.

Übrigens:

  1. Der Börsenwert von BP hat sich seit der Explosion um 74 Mrd. Dollar verringert.
  2. BP verkauft in Deutschland seine Kraftstoffe über Aral (“Alles super”). Informationen über die Katastrophe im Golf von Mexiko sind dort nicht zu finden.
  3. Die anderen Ölkonzerne sind auch nicht viel besser: Nach jüngsten Untersuchungen sind die Katastophenpläne der Unternehmen so ähnlich, dass sie praktisch austauschbar sind (es finden sich sogar dieselben Fehler).

13 Responses to “BP Krisenkommunikation – ein Kommunikationsdesaster”


  • Mich würde nach all diesen Faktoren nicht wundern wenn BP versucht die Presse zubestechen, damit diese Informationen in kleinen Kreisen bleiben. Anstatt das Öl aufzuhalten scheint man lieber dafür sorgen zu wollen das man das Image nicht ganz verliert. Dabei scheint man ganz zuvergessen das dass Öl sich nicht von alleine stoppen wird.

  • Das ist das Thema: BP Krisenkommunikation – ein Kommunikationsdesaster.

    Nun, wie wäre es besser in Hinblick auf Kommunikation? Die Positivdarstellung?

  • Ist mit der Frage gemeint, wie es besser ginge? Nun, wie wäre es damit:

    1. Reden und Handeln in Einklang bringen.
    2. Kommunikation zur Aufklärung einsetzen, nicht als Propaganda.
    3. Realistisch sein, nicht verharmlosen.
    4. Zutreffende Informationen zur Verfügung stellen, nicht falsche Angaben.
    5. Nicht jammern oder sich selbst als Opfer darstellen, sondern den tatsächlichen Opfern tatkräftig helfen.
    6. Nicht segeln gehen, während die Katastrophe weiter ihren Lauf nimmt.
    7. Erstmal ganz kleine Brötchen (und zwar so richtig ganz kleine Brötchen) backen, und aufrichtig um Entschuldigung bitten.
    8. Nicht um Vertrauen werben und das Vertrauen enttäuschen, sondern vor allem durch Taten zurückgewinnen, also vor allem endlich weitere Schäden verhindern.

    Heute gibt es hier ein Update zu diesem Thema: BPs zweite Katastrophe

  • Ich habe vor lauter unterschiedlichen Meldungen längst schon der Überblick darüber verloren, was nun stimmt und was nicht. Die Frage dabei ist: war das so beabsichtigt oder ist das ein Zufallsprodukt der Informaitonspolitik?

  • Spannend war auch zu sehen, dass BP in den Staaten zu den Suchwörtern “oil spill” bei google Anzeigen geschaltet hat und versucht hat darüber “Aufklärung” zu betreiben…

  • Danke für die Zusammenstellung; die Verschiebungen in der BP-Kommunikation sind sehr interessant zu beobachten.

  • Gerald Petersen [www]

    Jetzt ist es offiziell: BP-Chef Tony Hayward erklärt seinen Rücktritt. Er war zuletzt nur noch dazu da, um als Identifikationsfigur der Katastrophe zu dienen, und damit seinem Nachfolger einen möglichst unbelasteten Neuanfang zu ermöglichen. Spiegel Online dokumentiert den Aufstieg und Absturz des BP-Bosses: Abgang des Katastrophenchefs. Hier sind seine Verbalausfälle nochmal zusammengestellt: Die Verbalausfälle des Tony H.

  • Der Fall BP wird in den nächsten Jahren zu einem paradigmatischen Fall misslungener Krisenkommunikation werden – auch in der Wissenschaft. Diese Probleme scheinen symptomatisch zu sein für die Mineralölindistrie – das zeigen auch eine Reihe von interessanten Fallstudien zu BP und anderen Konzernen. Einen Überblick dazu gibt es hier: www.crisis-communication.de

  • die Kopf-in-den-Sand Politik ist jedenfalls nicht aufgegangen. Die offizielle Propaganda bzgl. Algen hätten den Ölteppich vernichtet finde ich aber noch bedenklicher! In jeder Hinsicht ist da ein Vertrauensmissbrauch nach dem anderen passiert.

  • Also BP ist wirklich kein Vorbild. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es ohne CO2 heute nicht geht. In Zukunft gesehen müssen die regenerativen Energien allerdings vorangetrieben werden um einen möglichen Blackout abzuwenden (siehe Art.). Allerdings geht das nicht ohne Investitionen. Der grüne Strom wird teuer sein und vlt ist das aktuelle Öko-Marketing falsch. Man muss die Thematik den Leuten anders beibringen und kann nicht immer die Holzfäller Methode anwenden. Nur was die Leute wollen, machen sie auch gerne und zahlen dafür gerne. Bissl Panik, ein Appel an die Kinder und schon steht die Sache… mit Subv. gehts natürlich noch leichter… Grünes Gewissen… Gier nach Kohle eher.

  • @ xaver: es wird sicher nie ganz ohne CO2 gehen und ich bin auch für regenerative Energien, aber viele wollen keine Windräder vor der Haustür und keine Solaranlagen Farmen. Hauptsache die Atomkraftwerke werden endlich abgestellt!!!

  • Und jetzt bohrt BP erneut im Pazifik nach Öl. Das die Förderung von Öl auch nach zahlreichen Katastrophen wirtschftlich bleibt ist traurig

  • Wie man sieht haben die Öl Firmen nichts dazu gelernt. Arme Menschheit

  • Die Wahrheit - nichts als die Wahrheit - mvmedia - Agentur für PR, (Medien-)Kommunikation und Medienproduktion [www]

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